In der Nacht

Georg Kreisler

In der Nacht, in der Nacht,
wenn der Wärter nicht mehr wacht,
sitz ich lange und still auf der Schwelle.
Denn ich hab für die Nacht
einen Schlüssel mir gemacht.
Und mit dem komm ich leicht aus der Zelle.

Und ich kriech in der Nacht
durch den engen, dunklen Schacht.
Und ich horch, und ich wart, und und ich zitter.
Doch ich hab mit Bedacht
etwas Geld mir mitgebracht
und besteche den Wächter am Gitter.

Und ich geh durch die Straßen der Stadt und tu ganz so als wär's niemals anders gewesen.
Wenn's dann kracht in der Nacht, bin es ich! Und man kann's nächsten Tag in den Zeitungen lesen.

Wenn der Morgen dann graut
und der Wärter nach mir schaut,
sitz ich längst auf der Pritsche im Zimmer.
Dann bekomm ich den Tee.
Und der Doktor sagt: Ich seh
keine Änderung: meschugge, wie immer.

$Date: 2011-07-24 00:17:24 +0200 (Sun, 24 Jul 2011) $